Neuerscheinung
 
 

Cover des Buchs

EINE NEUE BIOGRAPHIE ÜBER DEN „HÜTER DER IDEE" IM DRITTEN REICH: DER REICHLEITER LAG IM DAUERSTREIT MIT DEN WIRKLICH MÄCHTIGEN PALADINEN DER NSDAP:


Es mag ein Zufall gewesen sein, aber ein bezeichnender: Seine Abschlussarbeit zur Erlangung des akademischen Titels eines Diplomingenieurs war der Entwurf eines – Krematoriums. Alfred Rosenberg, geboren 1893 in Estland, hingerichtet in Nürnberg 1946, war (auf dem Papier) einer der mächtigsten Paladine des NS-Regimes: Intellektueller, selbst ernannter Chefideologe im Dritten Reich, beauftragt mit der Überwachung der geistigen und weltanschaulichen Schulung und mit Erziehungsfragen in der NSDAP.

Er hatte viel Arbeit zu erledigen: Als „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ war sein berüchtigter Einsatzstab mit dem europaweiten Raub von Kunst- und Kulturgütern mehr als ausgelastet. Und zudem zählte er zu den ärgsten Scharfmachern, was die Vernichtung der europäischen Juden betraf. Diese antisemitische Überzeugung war ihm auch beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess nicht auszutreiben, sein Ende am Galgen war folgerichtig.

 

Verbohrt . . .

Erst 2013 konnten die Tagebücher des NS-Ideologen ausgewertet werden, Volker Koop hat sie in die neueste Biografie dieses rätselhaften Menschen eingearbeitet. Wer sich mit der erschreckenden antisemitischen Verbohrtheit von Hitlers Führungsgarnitur beschäftigt, kommt an Rosenberg nicht vorbei. Intellektuell hielt er sich fast allen Hitler-Kumpanen turmhoch überlegen, er belieferte sie mit dem geistigen Rüstzeug für die geplante Ausrottung des Judentums. Sein mühsam zu lesendes Werk „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ brachte es zu schwindelerregenden Auflagen, rangierte gleich hinter Adolf Hitlers „Mein Kampf“ – und zu den am wenigsten konsumierten schriftstellerischen Hervorbringungen der NS-Ära. Aber Rosenberg hatte noch andere Möglichkeiten zur geistigen Beeinflussung: Über die Einheitszeitung „Völkischer Beobachter“ hatte er als „Hauptschriftleiter“ sein wachsames Auge.

 

. . . aber ohne Macht

Ein Speichellecker, der nach Lob und Anerkennung des Führers lechzte, umso mehr, als er sich ständig im Abwehrkampf mit den Rivalen um Hitlers Gunst befand. Gleich bei seiner Ernennung zum Reichsminister machte ihm Hitler klar, dass Hermann Göring als Bevollmächtigter für den Vierjahresplan und Heinrich Himmler als Chef der SS Sondervollmachten besaßen, die er nicht anzutasten hatte. Und wie selbstverständlich galt ihm auch „der Doktor“, also Joseph Goebbels, als beharrlicher Widersacher, wenn es um Schrifttum, Film, um Bühne und Musik ging.

So verfasste er Lehrpläne in seiner Eigenschaft als Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP und schwärmte von einer „Hohen Schule“, die er nach dem Krieg zur NS-Akademie ausbauen wollte. Da war ihm der Reichsführer-SS, Himmler, mit seinen Ordensburgen aber schon weit voraus.

Sein zunächst sehr gutes Verhältnis zum „Führer“ verdankte der damals dreißigjährige Alfred Rosenberg der Teilnahme am gescheiterten Hitlerputsch zu München 1923. Seitdem konnte er sich zu dem Kreis der „Alten Kämpfer“ zählen. In seinem Tagebuch sonnte er sich in sentimentalen Erinnerungen an die Kampfzeit. Doch im Laufe der Jahre ließ er keinen Kompetenzkonflikt mit den Reichsleitern aus, lebte schließlich nur noch in einer Scheinwelt und im ständigen Clinch mit all den viel mächtigeren NS-Funktionären. Als er sich zuletzt auch noch mit dem gefürchteten Martin Bormann anlegte, war er in der Führungsschicht des Hitler-Reichs völlig isoliert. Am Ende fand er nicht einmal mehr Zugang zum „Führer“.

Als „Hüter der Idee“ bekämpfte er folgerichtig auch die Amtskirche. Aber sein Hauptinteresse galt der Judenfrage. Kein Zweifel: Durch sein Wüten gegen das Judentum machte er es den Schergen des Systems leicht. Er war ein Schreibtischtäter. Ein gefährlicher.


 
Hoffärtig . . .

„Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete war vom ersten Tag seiner Existenz an arbeitsunfähig und überflüssig“, schreibt Volker Koop, „denn sobald sich Rosenberg daran machte, das Ministeramt zu versehen, musste er zwangsläufig den Verantwortungsbereich anderer beschneiden, was diese sich natürlich nicht gefallen ließen.“ Dazu kam, dass er jeden seiner Nebenbuhler spüren ließ, wie gering er dessen Niveau einschätzte.

Beim Nürnberger Prozess suchte der Theoretiker Rosenberg die Schuld bei den anderen Mitangeklagten. Konzentrationslager habe er nie gesehen. Was sogar stimmte, weil er sich stets weigerte, solche zu besichtigen. Er gab zu, „sehr starke Worte“ über die Juden gebraucht und etwas von der Vernichtung gesagt zu haben, aber dies sei doch nicht wörtlich zu nehmen gewesen.

Im Dezember 1945 interviewte ihn der US-Psychiater Gustave M. Gilbert in der Zelle. Rosenberg machte einen verwirrten Eindruck: „Natürlich, es ist schrecklich, unbegreiflich, die ganze Geschichte. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es eine solche Wendung nehmen würde. Ich weiß es nicht. Schrecklich! – Bei einem solchen Ausmaß muss Hitler die Befehle gegeben haben, oder Himmler tat es mit Hitlers Zustimmung.“

Und, nach Minuten des Schweigens, weiter: „Ich glaube, ich wurde einfach mitgerissen. Wir dachten am Anfang nicht daran, jemanden zu töten. Das kann ich Ihnen versichern! Ich trat immer für eine friedliche Lösung ein. Ich hielt vor 10.000 Leuten eine Rede, die dann gedruckt und in großen Mengen verteilt wurde, in der ich für eine friedliche Lösung eintrat. Die Juden sollten lediglich aus ihren einflussreichen Positionen heraus, das war alles. Anstatt 90 Prozent Juden unter den Ärzten in Berlin zu haben, wollten wir sie auf 30 Prozent oder so ähnlich beschränken, was dann auch noch eine großzügige Zahl gewesen wäre. Ich hatte keine Ahnung, dass es zu solch grauenvollen Dingen wie Massenmord führen würde. Wir wollten nur das Judenproblem friedlich lösen. Wir ließen sogar 50.000 jüdische Intellektuelle über die Grenze gehen. So, wie ich Lebensraum für Deutschland wollte, fand ich auch, die Juden sollten ihren eigenen Lebensraum haben – außerhalb Deutschlands.“



. . . uneinsichtig

In seinem Schlusswort vor der Urteilsverkündung kämpfte der unbeirrte Antisemit ums Überleben: „Der Gedanke an eine physische Vernichtung von Slawen und Juden, also der eigentliche Völkermord, ist mir nie in den Sinn gekommen, geschweige denn, dass ich ihn irgendwie propagiert habe. Ich war der Anschauung, dass die vorhandene Judenfrage gelöst werden müsse durch Schaffung eines Minderheitenrechtes, Auswanderung oder Ansiedlung der Juden in einem nationalen Territorium in einem jahrzehntelangen Zeitraum.“

Doch die Dokumente, die Alfred Rosenberg in einer erstaunlichen Zahl hinterließ, zeigten eine ganz andere Sachlage. Mit neun weiteren Verurteilten wurde er am 16. Oktober 1946 in Nürnberg erhängt. Bis heute steht sein unheilvolles Wirken im Schatten der Verbrechen von Hitler, Himmler, Göring, Goebbels, Eichmann und Konsorten. Dabei war er einer der wichtigsten geistigen Brandstifter.

Eine Buchrezension von "Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2016

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Volker Koop hat sich als Autor von über 30 Sachbüchern – primär zu Themen der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte – bundesweit und international einen hervorragenden Ruf erworben. Er hat sich seit etlichen Jahren verstärkt der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus gewidmet und dazu eine imponierende Reihe von Monographien vorgelegt – u.a. Das schmutzige Vermögen: Das Dritte Reich, die I.G. Farben und die Schweiz (2005); Dem Führer ein Kind schenken: Die SS-Organisation Lebensborn e.V. (2007); In Hitlers Hand: Sonder- und Ehrenhäftlinge der SS (2010) sowie Gedichte für Hitler: Zeugnisse von Wahn und Verblendung im "Dritten Reich" (2013).

Jetzt hat der Journalist mit Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Micky Mouse verbot. Die geheimen Lieblingsfilme der Nazi-Elite ein umfangreiches, äußerst aufschlussreiches und dabei höchst spannendes Werk darüber vorgelegt, wie Hitler als oberster Zensor des Reiches, doch zuvorderst, um seiner exzessiven Kinoleidenschaft zu frönen, während eines erheblichen Teils seines Lebens damit befasst war, sich Zelluloidstreifen anzuschauen: "Zum Leidwesen seiner Umgebung verbrachte der Parteiführer und Reichskanzler Tag für Tag – richtiger: Nacht für Nacht – ungezählte Stunden bei Filmvorführungen im ›Berghof‹, in der ›Reichskanzlei‹ und selbst in seinen 'Führerhauptquartieren'."

Sehr differenziert charakterisiert der Verfasser Hitlers Filmgeschmack, der für ihn "genau so rätselhaft und widersprüchlich wie der Rest seiner Psyche" ist: "Auch im Film versuchte er die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Was nicht in sein einfach gestricktes Weltbild passte, wollte er auch auf der Leinwand nicht sehen: ›Hinterhausmilieus‹, Schmutz, ethnische Minderheiten, 'katholischen Zauberkram', russische Zaren, Frauen in Männerrollen – all das war ihm ein Graus."

Den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, der offiziell federführend für den cineastischen Bereich im »Dritten Reich« zuständig war, charakterisiert Koop in einer längeren Abhandlung als einen Filmminister mit begrenzter Macht, denn tatsächlich lag in allen Bereichen das letzte Wort bei Hitler.

Ein umfangreiches Kapitel des Buches ist vor allem den Stars und Sternchen unterm Hakenkreuz gewidmet, von denen sich der Diktator angezogen fühlte: u.a. Marika Rökk, Olga Tschechowa, Henny Porten, Brigitte Horney, Dinah Grace, Zarah Leander, Pola Negri, Clara Tabody, Imperio Argentina, Lida Baarová, Greta Garbo, Marlene Dietrich (mit der es erst zum Bruch kam, als sie die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm) und Kristina Söderbaum: "Letztere", so Koop, "seit 1939 verheiratet mit dem regimetreuen Regisseur Veit Harlan, war die einzige unter den genannten, die vom Äußeren her dem ›arischen‹ Ideal entsprach.« Detailliert wird zudem darüber berichtet, dass sich Hitler als großzügig erwies, wenn es um das materielle Wohl von Schauspie-lerinnen und Schauspielern ging: »Im Jahr 1937 erhielten zum Beispiel Paul Hartmann 114990 Reichsmark, Albrecht Schoenhals 162720, Karl Ludwig Diehl 173107, Gustav Fröhlich 178118 und Hans Albers gar 562000." Auch war es Hitler vorbehalten, "Staatsschauspieler" zu ernennen und Professorentitel zu verleihen: u.a. Heinrich George, Hans Albers, Lil Dagover, Karl Ludwig Diehl, Gustav Fröhlich, Otto Gebühr, Bernard Minetti, Hans Moser, Käthe von Nagy, Erich Ponto, Albrecht Schoenhals, Hans Söhnker, Luis Trenker und Heinz Rühmann (letzterer auf Anregung von Goebbels) wurden ausgezeichnet. Überdies waren Filmschaffende wie die Regisseure Karl Ritter und Veit Harlan bei den NS-Größen hoch angesehen; nach 1933 stellte auch Emil Jannings, einer der bedeutendsten Schauspieler der Weimarer Republik, "seine Kunst in den Dienst des NS-Regimes. Als einer der Lieblingsschauspieler von Adolf Hitler verkörpert er in zahlreichen Filmen den von der nationalsozialistischen Propaganda idealisierten 'Herrenmenschen'."

Weitere Kapitel sind Hitlers Regisseurin Leni Riefenstahl, den "staatspolitisch wertvollen" Spielfilmen zur Verherrlichung der Partei, aber auch dem Treiben der NS-Elite gewidmet, klamheimlich die offiziell verbotenen Früchte zu genießen und die Filmzensur zu umgehen. Das Schlusskapitel ist den größenwahnsinnigen architektonischen Plänen gewidmet, im Rahmen der Umgestaltung Berlins zur "Welthauptstadt Germania" auch ein bombastischen Premierenkino schaffen zu wollen.

Im Nachwort seiner scharfsinnigen Analyse bilanziert Koop nüchtern: "Am Ende erwies sich …, dass der 'Führer' in einer Traum- und Wahnwelt gelebt hatte. Immerhin konnte sich sein dramatischer Untergang mit dem Ende seines Leinwandhelden King Kong messen – erschütternd nur, dass Hitler Millionen echter Menschen mit in den Tod riss."

Hilfreich für den historisch interessierten Leser sind auch das im Anhang präsentierte umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis zu den acht Buchkapiteln mit detaillierten Hinweisen zu den Filmgesellschaften, Regisseuren und Darstellern sowie ein ergänzendes, akribisch geführtes Film- und Personenregister. Nicht zuletzt die hervorragend in den Text integrierten Fotos der genannten Politiker, Schauspieler sowie etlicher Filmplakate tragen erheblich zum Lesevergnügen bei und machen dieses verlagsseitig auch drucktechnisch fein durchgestaltete Werk zu einem Musterbeispiel überzeugend aufbereiteter kultur- und gesellschaftspolitischer Forschungsarbeit.

 

Christoph Gutknecht – 3. November 2015

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Adolf Hitler war bekanntlich süchtig nach Filmen. Meist am späten Abend, manchmal auch am frühen Morgen ließ er sich in der Reichkanzlei in Berlin, auf dem „Berg-hof“ bei Berchtesgaden oder im „Braunen Haus“ in München Filme vorführen. Leinwände und Projektoren waren hinter Gobelins instal-liert, Gäste und Bedienstete wurden eingeladen. Volker Koop, Autor zahlreicher Bücher über Protagonisten des Nationalsozialismus, hat jetzt im be.bra verlag ein Buch über „Die geheimen Lieblingsfilme der Nazi-Elite“ publiziert: „Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Micky Maus verbot“. Sieben Kapitel fächern das Thema auf: Es geht zunächst um den „Filmgeschmack des deutschen Diktators“, dann um die begrenzte Macht des Propaganda-ministers Joseph Goebbels und um „Stars und Sternchen unterm Hakenkreuz“ (dazu gehörten u.a. Kristina Söderbaum, Zarah Leander, Olga Tschechowa, Henny Porten, Pola Negri, Imperio Argentina, Lida Baarová, Emil Jannings und Heinz Rühmann). Ihre Nähe zu Hitler und Goebbels und auch ihre Distanzen werden detailliert beschrieben. Ein eigenes Kapitel ist Leni Riefenstahl gewidmet („Hitlers Regisseurin“). Zum Problem wurde oft, dass Hitler und Goebbels Filme unterschiedlich bewerteten und dadurch Bearbeitungen notwendig wurden. Dies kommt in mehreren Kapiteln zur Sprache, speziell im Kapitel „Staatspolitisch wertvoll“. Natürlich konnte die NS-Elite viele ausländische Filme sehen, die von der Zensur nicht zugelassen wurden („Verbotene Früchte“). Im letzten Kapitel wird von der Planung eines bombastischen Premierenkinos an der „Nord-Süd-Achse“ durch Albert Speer berichtet, dessen Realisierung 1939 aufgeschoben und 1942 endgültig zu den Akten gelegt wurde. Das „Deutsche Lichtspieltheater“ an der Potsdamer Brücke war für 2.300 Besucher geplant. – Der Autor hat sorgfältig recherchiert, davon zeugen 893 Anmerkungen und Quellenverweise. Die Abbildungen sind technisch akzeptabel, ein Register erleichtert die Suche nach Personen und Filmtiteln. Mehr zum Buch: verbot.html

Hans Helmut Prinzler

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Leichtfüßig klettert das Ungetüm am Empire State Building empor. In der garagengroßen Pranke hält King Kong die panisch zappelnde Ann, seinen Schatz, seine Augenweide. Als die Kampfflugzeuge ihn immer wilder attackieren, legt der Riesenaffe Ann behutsam auf dem Dach ab. Streichelt sie ein letztes Mal. Und stürzt in die Tiefe: tödlich getroffen von einer Maschinengewehrsalve - und der unerwiderten Liebe der wunderschönen Frau.

Hatte der schlimmste Massenmörder aller Zeiten Mitleid mit dem verschmähten Riesenaffen? Begeisterte er sich für die damals revolutionäre Trickfilmtechnik des Films - oder für die Schauspielerin Fay Wray? Fest steht: "King Kong und die weiße Frau" gehörte zu den Top-Favoriten von Adolf Hitler. Zumindest wenn man dem Hitler-Vertrauten Ernst Hanfstaengl glaubt, bis zu seiner Emigration 1937 regelmäßig zu Gast auf dem Obersalzberg.

"Einer seiner Lieblingsfilme war King Kong", erinnerte sich Hanfstaengl 1970 in seinen Memoiren. "Eine scheußliche Geschichte, die Hitler faszinierte. Er redete oft davon und ließ sie sich mehrfach vorführen." Wie besessen der "Führer" vom Spielfilm generell war, beschreibt der Historiker und Journalist Volker Koop in seinem Buch "Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Micky Maus verbot" (Bebra Verlag 2015).

Auf breiter Quellengrundlage hat Koop herausgearbeitet, welche cineastischen Vorlieben Hitler pflegte. Wie wahllos, wie unideologisch er konsumierte, was er bekommen konnte. Wie er auf die eigene Zensur pfiff - und wie sehr er die Berghof-Gäste mit seiner Filmmanie gepeinigt haben muss.

"Glauben Sie nur nicht, dass ich ein schönes Leben habe", klagte Hitlers Chefadjutant Julius Schaub einmal gegenüber Regisseur Veit Harlan. "Ich habe mir gestern Abend drei - sprich: drei! - Filme ansehen müssen und heute früh wieder einen. Und das auf nüchternen Magen. Der Führer hat darin eine unbeschreibliche Ausdauer." Jeweils nach dem Abendessen sei auf dem Berghof "der unvermeidliche Film" gezeigt worden, erinnerte sich auch Fritz Wiedemann, ab 1935 einer von Hitlers Adjutanten. Ein wenig Zerstreuung sei ja in Ordnung - "aber warum müssen es nun täglich Filme sein?"

Hitler beurteilte die Frauen, Eva Braun die Männer

Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann wiederum beschwerte sich über die Marotte, Lieblingsfilme wieder und wieder anzuschauen: Den "Siegfried"-Film von Fritz Lang habe Hitler mindestens 20-mal gesehen, ebenso die "Feuerzangenbowle" oder die Komödie "Die Finanzen des Großherzogs". Kaum einer aus Hitlers Entourage, der nicht über diese Kino-Besessenheit klagte. Für einen guten Film ließ der Diktator laut Hanfstaengl sogar "wichtige Besprechungen ausfallen" - oft gab er sich nicht einmal mit drei Filmen pro Abend zufrieden.

Laut Koops Recherchen ließ sich Hitler etwa am 6. September 1936, kurz vor dem achten NSDAP-Reichsparteitag, etwa fünf und am 25. September sogar sieben Filme hintereinander vorführen. Die Beschaffung brachte seine Adjutanten in Bedrängnis. "Uns standen zwar alle Filme zur Verfügung, die im Propagandaministerium einliefen, selbstverständlich auch die ausländischen, aber wie viele gute Filme gibt es überhaupt im Jahr?", fragte etwa Wiedemann.
Indes: Der Diktator mochte auch die schlechten.

"Hitler bevorzugte harmlose Unterhaltungs-, Liebes- und Gesellschaftsfilme", schrieb NS-Architekt Albert Speer 1969 in seinem Buch "Erinnerungen". "Revuefilme mit vielen nackten Beinen konnten seines Beifalls sicher sein." Nach der Vorführung sei gelegentlich über die Filme diskutiert worden, "wobei die weiblichen Darsteller vorwiegend von Hitler, die männlichen von Eva Braun beurteilt wurden", so Speer, "niemand gab sich die Mühe, das Gespräch über das Bagatellniveau hinaus anzuheben."

"Der Führer ist ganz glücklich"

Was "möglichst bald herbeigeschafft werden musste": alles mit Emil Jannings, Heinz Rühmann, Henny Porten, Lil Dagover, Olga Tschechowa, Zara Leander oder Jenny Jugo. Welche Streifen besonders gut ankamen, zeigen auch detaillierte Protokolle zu Filmen, die Hitler als "oberstem Reichszensor" zur Begutachtung vorgelegt wurden, sowie sein privates Filmarchiv in der Berghof-Residenz.

Ein roter Faden lässt sich kaum erkennen: "Hitlers Filmgeschmack erweist sich als genauso rätselhaft und widersprüchlich wie der Rest seiner Psyche", so Koop. Als gesichert gilt, dass der "Führer" ein großer Walt-Disney-Fan war - und insbesondere die Figuren Schneewittchen und Micky Maus liebte.

Zu Weihnachten 1937 notierte Propagandaminister Joseph Goebbels in seinen Tagebüchern: "Ich schenke dem Führer 30 Klassefilme der letzten 4 Jahre und 18 Mickey-Maus-Filme. Er freut sich sehr darüber, ist ganz glücklich über diesen Schatz, der ihm hoffentlich viel Freude und Erholung spenden wird." Das deutsche Volk dagegen kam laut Koop ab 1935 nicht mehr in den Genuss neuer, da zu kostspieliger Disney-Produktionen.

Der "Führer" habe "Gesellschaftskomödien mit plattem Witz und sentimentalem Ausgang" bevorzugt, urteilte Historiker und Hitler-Biograf Joachim Fest. Auch Dramen hätten ihn tief berührt, etwa "Traumulus" von 1936 oder "Heimat" von 1938, schreibt dagegen Koop.

Bedenken der eigenen Zensoren überging Hitler

NS-Propagandastreifen wie "Hitlerjunge Quex" und "Jud Süß" oder die Werke von Leni Riefenstahl schätzte Hitler naturgemäß besonders und hegte eine starke Abneigung gegen Filme, in denen, so Reichsfilmintendant Fritz Hippler, "russische Zaren, Zigeuner und nichtdeutsche Minderheiten" eine Rolle spielten. Ein Graus gewesen seien ihm auch Filme "mit zu starkem Dialekt; mit Hinterhausmilieu; mit Kirchen und christlicher Symbolik" sowie Pferdefilme oder solche, in denen Frauen in Männerrollen schlüpften.

Sobald Hitler indes einen Narren an einem Film, Schauspieler oder Regisseur gefressen hatte, war er ideologisch erstaunlich flexibel: Dass etwa George Cukor, Regisseur der "Kameliendame" von 1936, jüdischer Herkunft war - es störte den ersten Antisemiten im Staate nicht im Geringsten. Obwohl Henny Porten, eine seiner Lieblingsschauspielerinnen, mit einem Juden verheiratet war, gewährte Hitler ihr eine üppige Rente aus Mitteln der Reichskanzlei. Und Regisseur Fritz Lang, Sohn einer jüdischen Mutter, riss ihn mit "Metropolis" zu Begeisterungsstürmen hin und sollte 1933 gar die Leitung des deutschen Filmwesens übernehmen, emigrierte jedoch.
Auch Bedenken der eigenen Zensoren schlug Hitler in den Wind. "King Kong" etwa sollte zunächst auf dem Index landen: Der Film stelle einen "Angriff auf die Nervenkraft des deutschen Volkes" dar, zudem verletze die Romanze zwischen Untier und weißer Frau das "deutsche Rassenempfinden", urteilte die Filmoberprüfstelle 1933. Hitler überging das, der Film wurde zum Kassenschlager.

Konfisziert, kopiert, gestohlen

Mit Kriegsbeginn schwor der "GröFaZ" seiner Kino-Besessenheit offiziell ab, aus Solidarität mit den kämpfenden und sterbenden Soldaten. Faktisch jedoch glotzte Hitler unverdrossen weiter - auch wenn er seine Gäste nicht mehr mit Mammut-Filmabenden quälte. Um das 1940 verordnete Hollywood-Embargo scherte sich die NS-Elite nicht: Eifrig konfiszierte die Wehrmacht US-Filme in den besetzten Gebieten.
Was so nicht zu bekommen war, wurde auf Goebbels-Anweisung angekauft, kopiert, gestohlen. Unsummen gab Deutschland im Krieg für die Beschaffung neuer Filme aus - allein für das Rechnungsjahr 1944 standen laut Koops Recherchen 3,75 Millionen Reichsmark zur Verfügung.
Denn neben Hitler und Goebbels konsumierten auch zahlreiche weitere hochrangige NS-Größen gern und häufig einen netten Spielfilm. Während draußen, in der realen Welt, Millionen von Menschen starben, erfreuten sich die Drahtzieher der mörderischen Politik just an jenen Blockbustern, die sie dem deutschen Volk vorenthielten.
Wie stark der übermäßige Filmkonsum Hitlers ohnehin schon ausgeprägte Wahnhaftigkeit befördert haben mag? "Bei dieser Intensität verliert man den Bezug zur Realität zwangsläufig", sagt Koop und resümiert: "Heute würde man einem Mann wie Hitler Programme anbieten, damit er von seiner Filmsucht loskommt."

Von Katja Iken, Spiegel-Online am Mittwoch, 02.12.2015