Neuerscheinung


13MEHR ALS NUR TROCKENKARTOFFELN

Die Aufforderung erging am 29. November 1948 und war unmissverständlich: Niedersachsens Landesregierung möge notfalls eine Fabrik beschlagnahmen, um endlich dringend benötigte Trockenkartoffeln für den Lufttransport nach Berlin zu produzieren. Und weil die Sache sich schon so elend lange hinzog, schickte General Robertson noch eine Drohung hinterher: "Wenn Sie es nicht tun, müssten wir es selbst tun". Die alliierte Kartoffelnote ist nur ein Beispiel für die unschöne Debatte, die seinerzeit am Rande der Luftbrücke eher im Verborgenen geführt wurde und insbesondere die Aktivitäten in den Ländern der damaligen Bizone in ein zuweilen weniger glorioses Licht tauchte.

"Kein Kampf um Berlin" Schon der Titel verrät, dies ist nicht die herkömmliche Betrachtung der Blockade zum 50. Jahrestag, dies ist alles andere als ein Heldenlied. Ausdrücklich behandelt Volker Koop den Alltag im blockierten Berlin nur am Rande, ebenso die fliegerische Leistung der Alliierten. [...] "Kein Kampf um Berlin" erzählt das Gezerre um die Finanzierung der Luftbrücke. Monatelang stritten Repräsentanten der westdeutschen Länder um Tabaksteuer und Notopfer. Berlin stand da durchaus zur Disposition,keineswegs ausgemacht war, dass die Halbstadt am Währungsverbund mit der Bizone teilhaben sollte. Stattdessen unterbreitete Bremens Senatspräsident den Vorschlag, Berlin nach dem Vorbild Triests zur ungewollten Selbstständigkeit unter UN-Verwaltung zu verhelfen.

Dachten Amerikaner und Briten globalstrategisch, stehen deutsche Stellen bei Koop als provinzielle Krämerseelen dar, die sich darüber ereiferten, dass eingeflogene Zigaretten auf keinen Fall erst in Berlin versteuert werden dürften.

Auch die deutsche Wirtschaft bekommt ihr Fett weg. Entgegen vieler, und vor allem seitens der Bevölkerung auch echter Solidaritätsbekundungen, dachten viele Firmen offenbar keineswegs daran, die Erlöse aus ausgeflogenen Gütern in Berlin zu reinvestieren oder auch nur durch Rohstoffeinkauf in den Berliner Wirtschaftskreislauf zurückzuführen. Stattdessen wurden Produktionen ausgelagert, begann ein Auszehrungsprozess, der in den nächsten vierzig Jahren anhalten sollte. Und wer sich nicht daran beteiligte, musste feststellen, dass Solidaritätsadressen allein die Berliner Produktion nicht wettbewerbsfähiger machten. Dazu der Berliner Wirtschafts-Stadtrat Gustav Klingelhöfer: "Westdeutschland muss begreifen, dass es unmöglich so geht, dass man der Berliner Wirtschaft, der privaten und der öffentlichen, im Westen überflüssigerweise, auch da, wo es nicht nötig ist, Konkurrenzindustrien entgegensetzt."

Andreas Austilat in "Der Tagesspiegel", 27. Juni 1998

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KEIN KAMPF UM BERLIN

Dieses Buch ist ein echter "Knaller". Der Autor selbst hat bei der Berliner Präsentation seines Werkes mitgeteilt, dass er mit ganz anderen Absichten an die Erforschung und Bewältigung des Themas heranging, als das fertige Produkt es vermuten lässt. D.h., er war angetreten in der Überzeugung, die gängige Stereotpye zu Blockade und Luftbrücke zu bedienen und faktenreich mit den bisher zu kurz gekommenen alltäglichen Vorgängen am Boden zu untersetzen.

Zu seinem eigenen Erstaunen sagten aber die Akten etwas ganz anderes aus, als es das hergebrachte Geschichtsbild von der Heldenzeit der Frontstadt West-Berlin im Würgegriff der Sowjetmachthaber seit Jahrzehnten der Öffentlichkeit vermittelt.

Das betrifft zum ersten die Verrenkungen der westzonalen Entscheidungsträger hinsichtlich wirksamer Hilfe für die Westsektoren Berlins. Sie hätten ohne amerikanisch-britischen Druck Berlin nur allzu gern aufgegeben, um den wirtschaftlichen Aufbau der drei Westzonen nicht zu verlangsamen oder gar zu gefährden.

Zweitens weist Koop nach: Die Berliner Westsektoren waren gar nicht in dem Maße im "Würgegriff", wie es die amtlich verordnete Propaganda vorgab.

Drittens zeichnet Koop erstmals detailliert nach, wer die eigentlichen Verlierer der Blockade- und Luftbrückenzeit waren.

Dass man es bei dem Verfasser mit einem geübten Journalisten zu tun hat, wertet das Buch nicht - wie es nur zu oft bei bücherfabrizierenden Journalisten der Fall ist - ab, sondern im Gegenteil auf. Obwohl in der Recherche durch und durch seriös (jeder mitgeteilte Fakt wird in dem fast 150 Seiten umfassenden Dokumententeil dokumentarisch belegt!), ist Koop im Stil flüssig, zum Teil sogar packend.

 

Berlinische Monatsschrift