Neuerscheinung
 
 

EIN STÜCK RUSSLAND IN BERLIN
Die Russisch-Orthodoxe Gemeinde Reinickendorf

 

Nur wenige Berliner und Besucher der Stadt werden den russisch-orthodoxen Friedhof in der Wittestraße 37, nahe der Holzhauser Straße, im Stadtbezirk Reinickendorf kennen. Heute ist diese Stätte der letzten Ruhe umgeben von Industriebetrieben und der belebten Stadtautobahn nach Norden. Noch in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts weideten an dieser Stelle Schafherden der Charlottenburger Fleischerinnung, und nicht weit davon entfernt standen die Kiefern der Dalldorfer Heide. Der Friedhof, 1885 angelegt, bildet gemeinsam mit der darauf befindlichen Kirche ein einzigartiges Ensemble des russisch-orthodoxen Glaubens in Deutschland. Die "Heiligen-Konstantin und Helena-Kirche" ist der Basiliuskathedrale in Moskau nachempfunden.

Nach der Revolution von 1917 verstärkte sich der Zustrom russischer Emigranten nach Berlin. Die Stadt wurde zu einem Auffangbecken vieler Menschen in Not und so zu einer zweiten Heimat. Aristokraten, Generäle, Minister, Künstler, Wissenschaftler, Handwerker aber auch viele russische Kriegsgefangene fanden auf dem Friedhof - nach russisch-orthodoxer Sitte mit dem Haupt nach Osten bestattet - ihre letzte Ruhestätte. Hier ruhen z.B. der ehemalige Kriegsminister des Zaren Nikolai II. und Unterzeichner der Kriegserklärung von 1914 an Deutschland, Wladimir Suchomlinow, der Vater des durch seinen Roman "Lolita" in Deutschland bekannt gewordenen Schriftstellers Wladimir Nabokov und der kaiserlich-russische Staatsrat Mihail Eisenstein, Vater des später berühmten Film- und Theaterregisseurs Sergej Eisenstein.

Auch für den in Berlin verstorbenen bedeutenden Komponisten Michail Glinka gibt es ein Grabmonument. Eine Zufluchts- und Wohnstätte für russische Emigranten bildete das 1896 errichtete Kaiser-Alexander-Heim, das leider Mitte der siebziger Jahre abgetragen wurde.

Der russisch-orthodoxe Friedhof ist ein Symbol für das Zusammenleben unterschiedlichster Religionen in der Vergangenheit, aber gleichzeitig mahnt er uns, auch eingedenk der in Jahrhunderten bewährten preußischen Toleranzpolitik, künftig couragiert und verständnisvoll für das friedvolle Nebeneinanderbestehen großer Weltreligionen und -kulturen in dieser Stadt einzutreten.

Cover des Buches: Ein Stück Russland in Berlin - Die Russisch-Ortodoxe Gemeinde Reinickendorf
Gebundener, großformatiger Textbildband; 120 Seiten mit zahlreichen Skizzen und Farbfotos (vergriffen)

Brandenburgisches Verlagshaus,
Berlin 1994
ISBN 3-89488-072-4