Neuerscheinung


LEGENDE UND WAHRHEIT

Die erste Schlacht des Kalten Kriegs

Am 24. Juni 1948 senkten sich rund um die West-Sektoren Berlins die Schlagbäume. Moskau verhängte eine totale Sperre für alle Schienen-, Straßen-, und Wasserwege. Die "Berlin-Blockade" begann. Was folgte, war die größte Rettungsaktion in der Geschichte.

Anlass war die Einführung der D-Mark im Westteil Berlins: Am 20. Juni 1948 war in den Westzonen die D-Mark eingeführt worden, eine Woche später auch in West-Berlin - nachdem die Sowjetunion in ihrem Berliner Sektor eine eigene Währung eingeführt hatte.

Doch Stalin ging es um mehr. Er wollte die West­mächte herausfordern, empfand ihren "Brückenkopf" im eigenen Machtbereich wie einen Stachel im Fleisch.

Stalins Kampfansage

Doch würden sich die westlichen Siegermächte dem Druck beugen und damit über zwei Mil­lionen Menschen in der Metropole preisgeben? Oder würde der Ver­such, die Stadt auszuhungern, in eine Eskalation münden? Drohte gar ein Dritter Weltkrieg? Der Griff Stalins nach dem freien Teil Berlins galt als Kampfansage an den Westen überhaupt.

"Es war eine Stimmung wie bei einer Sonnenfinsternis", erinnert sich der Berliner Gerhard Bürger im Interview an den Beginn der sowjet­schen Abriegelung. "Die Angst, dass die westlichen Alliierten uns verlassen, dass wir den Russen in die Hände fallen würden, war un­heimlich groß." Doch wider die Argumente einiger politischer Berater entschied US-Präsident Harry S. Truman, nicht zu weichen: "Wir blei­ben. Punkt!".

Bei aller lauthals bekundeten Empörung über den Griff Stalins nach dem freien Teil der Stadt kam ihm die Krise um Berlin durchaus gelegen, denn er stand mitten im Wahlkampf.

Versorgung aus der Luft?

Die trei­bende Kraft aber war der Gouverneur der amerikanischen Besat­zungszone, General Lucius D. Clay: "Wenn wir Europa vor dem Kom­munismus schützen wollen, dürfen wir uns nicht von der Stelle rüh­ren". Er hatte den kühnen Plan, den Westteil der Stadt aus der Luft zu versorgen "wie eine belagerte Festung".

Deutsche Politiker in den Westzonen zeigten nur wenig Entschlossenheit beim Kampf um die Freiheit Westberlins: "Berlin wurde als lästiger Kostgänger betrachtet", sagt der Historiker Volker Koop: "Clay war immer wieder derjenige, der die westdeutschen Verantwortlichen mehr oder weniger unter Druck setzte." Daraufhin wurde auf dem Gebiet der künftigen Bundesrepublik die Mineralölsteuer eingeführt, ausdrücklich begrenzt auf die Zeit der Blockade, doch für die Freiheit Berlins damals wird bis heute bezahlt.

Ein Speiseplan für die Millionenstadt

Innerhalb von wenigen Tagen arbeiteten Logistikexperten präzise Pläne aus. Fachleute für Ernährung kalkulierten einen Speiseplan für die Millionstadt: 1750 Kalorien täglich, dehydriert und in Konserven - leicht und deswegen für den Lufttransport geeignet. Mehl für 400 Gramm Brot, 40 Gramm Fleisch, 30 Gramm Fett, 40 Gramm Zucker, 400 Gramm Pulver aus Kartoffeln, Eiern oder Milch - und 5 Gramm Käse. Täglich mindestens 1500 Tonnen Lebensmittel.

Die belagerte Stadt aber brauchte vor allem Kohle. Würden Lufttransporte ausreichen für die Energieversorgung einer Metropole? "Die Luftwaffe kann alles transportieren" - so die Zusage der Regierung in Washington. 75 Prozent des Stroms lieferte bis dato der Osten. Doch der Sowjetsektor schränkte nun die Gas- und Stromversorgung der Westsektoren drastisch ein.

Alle drei Minuten ein Flugzeug

Aus dem anfangs improvisierten Unternehmen wurde eine gigantische Operation, die mit der Präzision eines Uhrwerks ablief. Das "Soll" für die Versorgung der Stadt betrug 5000 Tonnen täglich. Das entsprach einer Ladung von 330 Güterwaggons.

Dazu musste alle drei Minuten eine Maschine auf einem der Berliner Flug­häfen landen - Amerikaner und Briten bewiesen, dass dies möglich war. Die Piloten kamen mit ihren Transportflugzeugen aus aller Welt. Kaum in Deutschland angekommen, befanden sie sich im Dauerein­satz. Sie waren übermüdet, einige Flugzeuge stürzten ab.

Mit jedem Tag der Luftbrücke demonstrierte der Westen Stärke, wäh­rend die Sowjets zunehmend in der Weltöffentlichkeit ihr Ansehen verloren. Überaus geschickt vermochte die US-PR-Maschinerie die Luftbrücke als Glanzleistung der Supermacht des Westens zu verkaufen. Kaum bekannt ist der hohe britische Anteil an der humanitären Aktion: Getreidelieferungen nach Großbritannien wurden umgeleitet, so dass es "in der Zeit der Blockade zu Rationierungen kam", so Koop, "das gab es nicht einmal während des Zweiten Weltkrieges."

Blockade-Ende nach elf Monaten

Nach 322 Tagen "Belagerung" lenkte Stalin ein. Er erkannte, dass er den Machtpoker um Berlin nicht ge­winnen konnte. Am 12. Mai 1949 wurde die Blockade nach Geheim­verhandlungen mit den USA beendet. Dieser Tag ist in den Augen vieler Zeitzeugen noch immer ein persönlicher Freudentag: "Da ist mir klar geworden", sagt Eberhard Schönknecht, damals Arbeiter am Flughafen, "was Freiheit bedeutet und was Freunde bedeuten."

Es sollte nicht die einzige "Berlin-Krise" während des Kalten Krieges bleiben, noch mehrmals würde Moskau den Status West-Berlins in Frage stellen. Für die künftige Haltung des Westens aber blieb der Standpunkt des damaligen US-Präsidenten Truman wegweisend: "Dass wir allen Widerständen zum Trotz in Berlin ausharrten, de­monstrierte den Völkern Europas unseren Willen, gemeinschaftlich mit ihnen der Bedrohung ihrer Freiheit entgegenzutreten".

ZDF - Dokumentation